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Zähne und Trauma: Was der Mund über Belastung erzählt

von 8 Minuten Lesezeit

Zähne und Trauma: was der Traum von ausfallenden Zähnen verrät, welche fünf Orte im Mund von Belastung erzählen, was an der Zahn-Organ-Tabelle dran ist und drei Wege für den Kiefer.

Gabriella Rist – Aquarell zu Zähne und Trauma: Frau im Profil mit ruhigem, weichem Kiefer, ein kleiner Kolibri am Kinn als Bild für das Summen

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Zähne und Trauma hängen enger zusammen, als viele denken, aber anders, als es Tabellen aus dem Internet versprechen. Der Kiefer gehört zu den wenigen Muskelgruppen, die wir willentlich steuern und die zugleich autonom arbeiten. Er hält fest, was früher keinen Ausdruck finden durfte, und er tut das oft unbemerkt über Jahrzehnte. Wer ihm zuhört, kann viel über den eigenen Nervensystemzustand erfahren.

Was verrät der Traum von ausfallenden Zähnen?

Fast jeder Mensch kennt diesen Traum: Die Zähne werden locker, einer gibt nach, dann noch einer. Seit fast zweitausend Jahren wird er gedeutet. Der griechische Traumdeuter Artemidor von Daldis las im zweiten Jahrhundert die oberen Zähne als wichtige Personen, die unteren als untergeordnete, die rechten als Männer und die linken als Frauen. Daraus wuchs der alte Volksglaube, ein Zahntraum kündige einen Todesfall in der Familie an.

2018 hat eine Arbeitsgruppe der Ben-Gurion-Universität in Israel diesen Traum zum ersten Mal empirisch untersucht, mit 210 Teilnehmenden. Zahnträume hingen mit der Spannung in Zähnen, Zahnfleisch und Kiefer beim Aufwachen zusammen und kaum mit seelischer Belastung. Andere Traumtypen, etwa vom Fallen oder Ersticken, hingen sehr wohl mit Belastung zusammen. Der Zahntraum erweist sich damit als etwas Körperliches: ein Kiefer, der in der Nacht gearbeitet hat, und ein Gehirn, das diese Empfindung in eine Geschichte übersetzt.

Warum speichert der Kiefer Anspannung?

Der Kiefer hat zwei Eigenschaften, die ihn für die Arbeit mit dem Nervensystem besonders machen. Er wird bewusst und unbewusst zugleich gesteuert: Sie können ihn willentlich öffnen, und er schließt sich auch dann, wenn niemand ihn darum bittet. Und er liegt dicht bei den Strukturen, über die sich Erregung reguliert, beim Zungenbein, beim Kehlkopf und beim Ohr.

Der Kiefer schließt sich, wenn etwas gehalten werden will. Er hält den Laut zurück, der sonst herausgekommen wäre. Für ein Kind, das früh erfahren hat, dass Äußern gefährlich ist, war das eine ausgesprochen kluge Lösung. Die Kaumuskulatur übernimmt diese Aufgabe zuverlässig, lautlos und oft über Jahrzehnte. Hypervigilanz, die chronische Wachsamkeit nach Trauma, zeigt sich deshalb häufig genau hier: als Dauerspannung im Kaumuskel, als Zahnreihen, die sich tagsüber berühren, als Schreckhaftigkeit bei Geräuschen nah am Ohr. Sieben typische Anzeichen im Kiefer, vom Kloß im Hals bis zum nächtlichen Knirschen, beschreibe ich im Beitrag Was Ihr Kiefer über Ihr Nervensystem erzählt.

Im Alltag kann das so aussehen: Der Mund lächelt, und die Zahnreihen pressen. Die Hand wandert beim Sprechen oder Lachen vor den Mund. Und auf dem Behandlungsstuhl beim Zahnarzt, in Rückenlage und mit Kontakt im Mund, treten manche Menschen innerlich weg, mit kalten Händen und ohne Zeitgefühl. All das sind Spuren eines Nervensystems, das Schutz gesucht und gefunden hat.

Seit dem internationalen Konsens von 2018 gilt Bruxismus, also das Knirschen und Pressen, bei sonst gesunden Menschen als Verhalten der Kaumuskulatur und für sich genommen als keine Erkrankung. Er kann ein Schutz für die Atemwege sein, eine Begleiterscheinung von Medikamenten oder ein Zeichen von Belastung. Zuerst ist er Muskelarbeit, die einen Anlass hatte.

„Ich knirsche nicht“: Warum wir es oft nicht merken

Maren, 43, arbeitet in der Verwaltung. Ihre Zahnärztin findet Abnutzung an den Eckzähnen und feine Risse in zwei Backenzähnen und sagt: Sie knirschen. Maren widerspricht, sie merke nichts. Was sie merkt, ist etwas anderes: Morgens ist ihr Kiefer steif, bevor der erste Gedanke da ist, manchmal mit Druck an den Schläfen. Und am Schreibtisch stehen ihre Zahnreihen aufeinander, während sie eine E-Mail schreibt. Sie löst den Kiefer, und zwei Minuten später stehen sie wieder aufeinander.

Marens Satz ist die häufigste Antwort, die es gibt. Messungen im Schlaflabor finden nächtliches Knirschen bei deutlich mehr Menschen, als selbst davon berichten. Das ist der Kern des Themas: Der Kiefer tut Dinge, von denen wir nichts wissen.

Welche Orte im Mund erzählen etwas?

Im Mund liegen zwei Zeitebenen nebeneinander. Die Schleimhaut erneuert sich in wenigen Tagen und erzählt von den letzten Wochen, der Zahnschmelz braucht Jahre, bis er sichtbar abgenutzt ist, und erzählt von Jahrzehnten. Fünf Orte erzählen besonders klar:

  • Die Kaumuskulatur. Der Kaumuskel vor dem Ohr und der Schläfenmuskel darüber sind das verlässlichste Zeichen. Verhärtung, Druckempfindlichkeit, morgendliche Steifheit und Kopfschmerzen beim Aufwachen weisen auf nächtliche Arbeit hin. Hier schaut auch die Diagnostik zuerst hin.
  • Die Eckzähne. Bei seitlichen Kieferbewegungen tragen sie die Last und schützen die hinteren Zähne. Abgeflachte Spitzen erzählen davon, dass irgendwann Kräfte gewirkt haben. Über das Heute sagt die Abnutzung wenig.
  • Die Gaumenflächen der oberen Frontzähne. Hier wird wiederholter Kontakt mit Magensäure sichtbar, etwa bei Bulimie. Für viele Menschen ist die Zahnärztin oder der Zahnarzt der erste Mensch, der es bemerkt, und manchmal ist genau das ein Anfang.
  • Die Wangenschleimhaut. Das schnellste Gewebe im Mund. Eine weiße Linie auf Höhe der Zahnreihe entsteht durch Saugen und Pressen. Wiederkehrende Aphthen, eine brennende Zunge oder Lippenherpes in belasteten Wochen zeigen den Zusammenhang mit seelischer Belastung deutlicher als der Zahn selbst.
  • Der Zahnbestand als Ganzes. Eine englische Untersuchung mit gut 5.300 Erwachsenen fand: Wer vier oder mehr belastende Kindheitserfahrungen erlebt hatte, hatte häufiger Zähne verloren. In der Altersgruppe von 60 bis 69 Jahren waren es 26 gegenüber 13 Prozent. Hier wirken auch Einkommen, Rauchen und Zugang zur Versorgung mit. Und doch erzählt ein fehlender Backenzahn von Jahren, in denen für einen Zahnarztbesuch weder Geld noch Kraft noch Sicherheit da war.

Was ist an der Zahn-Organ-Tabelle dran?

Wer im Internet nach der Bedeutung eines Zahns sucht, findet die Zahn-Organ-Tabelle. Sie ordnet jedem der 32 Zähne ein Organ, einen Meridian und ein Gefühl zu. Die Sehnsucht dahinter verdient Respekt: Viele Menschen wünschen sich eine Sprache für das, was ihr Körper erlebt. Die Tabelle entstand in den 1950er- und 1960er-Jahren aus der Elektroakupunktur nach Voll (EAV), die den Hautwiderstand an vielen Punkten misst. Drei Prüfsteine helfen bei der Einordnung:

  • Es gibt keine Primärstudie. Die Grundlage waren Einzelfallbeobachtungen aus der eigenen Praxis.
  • Das Messverfahren wurde geprüft. Eine doppelblinde Studie im British Medical Journal kam 2001 zu dem Schluss, dass elektrodermale Testung nicht mit dem Hautpricktest übereinstimmt und sich nicht zur Diagnose eignet.
  • Es gibt mehrere Tabellen, die einander widersprechen. Dieselben Zähne bekommen in verschiedenen Fassungen verschiedene Elemente und Bedeutungen. Gäbe es die eine Zuordnung, gäbe es eine Tabelle.

Ernst wird es dort, wo auf dieser Grundlage gesunde Zähne gezogen oder Kieferknochen ausgefräst werden. Die zahnmedizinischen Fachgesellschaften führen die Herd- und Störfeldlehre und die EAV als Verfahren ohne Wirksamkeitsnachweis. Ein Zahn braucht zahnärztliche Versorgung. Was sich daneben regulieren lässt, ist die Anspannung, die dorthin geführt hat.

Was hilft dem Kiefer? Drei kleine Wege

Diese drei Wege sind in meinen Klassen bei Ganeshashala® entstanden. Sie setzen am Körper an und brauchen nur wenige Atemzüge.

1. Den Kontakt bemerken. Fragen Sie sich ein paar Mal am Tag: Berühren sich meine Zahnreihen gerade? Nur wahrnehmen, ohne etwas zu verändern. In Ruhe haben die Zähne einen kleinen Abstand, und die Lippen sind geschlossen. Eine italienische Arbeitsgruppe hat 30 Menschen eine Woche lang mehrmals täglich per Smartphone daran erinnert, ihren Kiefer zu beachten. Der berichtete Zahnkontakt sank von 20 auf 11 Prozent. Eine Kontrollgruppe gab es nicht, die Forschenden sprechen von einem möglichen Effekt des Bemerkens.

2. Der Zunge ihren Platz geben. Die natürliche Ruhelage der Zunge liegt am Gaumen, direkt hinter den oberen Schneidezähnen. Wenn die Zunge dort ruht, kann der Unterkiefer loslassen. Legen Sie die Zungenspitze sanft an diesen Punkt, schließen Sie die Lippen und atmen Sie durch die Nase. Drei bis fünf Atemzüge genügen als Signal an Ihr Nervensystem, dass gerade genug Sicherheit da ist, um ein kleines Stück loszulassen.

3. Summen. Summen bringt Kehlkopf, Zungenbein und Mundboden in Schwingung, genau die Region, in der Kau- und Halsmuskulatur zusammenarbeiten. Die Ausatmung wird dabei von selbst länger. Summen Sie auf der Ausatmung leise und mit geschlossenen Lippen und spüren Sie, wo die Vibration ankommt. Drei Töne reichen. Und wenn diese Übung gerade nicht zu Ihnen passt, ist auch das eine Antwort. Wenn Sie über den Kiefer hinaus den ganzen Körper einladen möchten, schenke ich Ihnen eine Somatische Klasse zum Mitmachen: „Für den eigenen Körper da sein“, 56 Minuten, kostenlos; den Zugang erhalten Sie per E-Mail.

Maren hat mit dem ersten Weg begonnen. Nach einigen Wochen fiel ihr auf, wann ihre Zähne zusammenkommen: jedes Mal, wenn der Name ihrer Mutter auf dem Display erschien, noch bevor sie die Nachricht gelesen hatte. Ihr Kiefer wusste es früher als sie selbst. Sie hat nichts an ihm verändert, sie hat ihm zugehört. Aus einem Fehler, den die Zahnärztin gefunden hatte, wurde ein treuer innerer Wächter.

Was erzählt Ihr Mund?

Der Mund ist ein Archiv. Die Kaumuskulatur ist das verlässlichste Zeichen, die Schleimhaut das schnellste, der Zahnbestand das langsamste. Die Tabellen fragen: Welche Bedeutung hat dieser Zahn? Die Frage, die trägt, lautet: Welche Kraft hat hier gewirkt, und wie lange?

Zum Video gibt es das kostenlose Workbook „Was Dein Mund erzählt“: 16 Seiten mit den fünf Orten, der Prüfung der Zahn-Organ-Tabelle, den drei Wegen, einem Kiefer-Tagebuch für vierzehn Tage und allen Quellen. Wenn Sie wissen möchten, in welchem Nervensystemzustand Sie sich häufig befinden, lädt Sie der kostenlose Nervensystem-Check zu einer ersten Standortbestimmung ein. Tiefer geht der kostenlose Selbsttest zu Trauma und Nervensystem aus meinem Buch »Neubeginn jetzt« mit 44 Aussagen. Und im Nervensystemkurs üben Sie in fünf Modulen, wie Ihr Körper aus der Daueranspannung findet.

Zum Weiterschauen:

Dieser Beitrag dient der Wissensvermittlung und ersetzt weder eine zahnärztliche Untersuchung noch eine psychotherapeutische Behandlung. Wenn Sie sich in einer akuten Krise befinden, wenden Sie sich bitte an die Telefonseelsorge (0800 111 0 111, rund um die Uhr, kostenfrei) oder an den ärztlichen Notdienst (116 117).

Quellen: Rozen, N. und Soffer-Dudek, N. (2018): Dreams of Teeth Falling Out: An Empirical Investigation of Physiological and Psychological Correlates. Frontiers in Psychology 9, 1812 · Lobbezoo, F. u. a. (2018): International consensus on the assessment of bruxism. Journal of Oral Rehabilitation 45(11), 837–844 · Zani, A. u. a. (2019): Ecological Momentary Assessment and Intervention Principles for the Study of Awake Bruxism Behaviors, Part 1. Frontiers in Neurology 10, 169 · Ford, K. u. a. (2020): Understanding the association between self-reported poor oral health and exposure to adverse childhood experiences. BMC Oral Health 20, 51 · Lewith, G. T. u. a. (2001): Is electrodermal testing as effective as skin prick tests for diagnosing allergies? BMJ 322(7279), 131–134 · S3-Leitlinie „Diagnostik und Behandlung des Bruxismus“, AWMF-Registernummer 083-027.

Häufige Fragen

Was oft gefragt wird

Was bedeutet es, wenn man träumt, dass Zähne ausfallen?

Eine Studie der Ben-Gurion-Universität (2018, 210 Teilnehmende) fand: Zahnträume hängen vor allem mit Spannung in Zähnen und Kiefer beim Aufwachen zusammen und kaum mit seelischer Belastung. Der Traum übersetzt eine Körperempfindung in ein Bild.

Können Zähne Trauma speichern?

Die Zähne selbst speichern keine Erinnerung. Der Kiefer aber hält über die Kaumuskulatur oft Anspannung fest, die früher keinen Ausdruck finden durfte. Abnutzung, Risse oder Verspannungen können Spuren davon sein.

Ist Zähneknirschen eine Krankheit?

Nach dem internationalen Konsens von 2018 gilt Bruxismus bei sonst gesunden Menschen als Verhalten der Kaumuskulatur und für sich genommen als keine Erkrankung. Er kann mit Belastung, Atmung oder Medikamenten zusammenhängen.

Stimmt die Zahn-Organ-Tabelle?

Für die Zuordnung von Zähnen zu Organen gibt es keine Primärstudie. Das zugrunde liegende Messverfahren (Elektroakupunktur nach Voll) hat in einer doppelblinden Studie im British Medical Journal nicht funktioniert, und die verschiedenen Tabellen widersprechen einander.

Was hilft gegen Pressen und Knirschen am Tag?

Den Kontakt der Zahnreihen mehrmals am Tag bemerken, der Zunge ihren Platz am Gaumen hinter den oberen Schneidezähnen geben und auf der Ausatmung leise summen. Bei Schmerzen und Schäden gehört der Kiefer zusätzlich in zahnärztliche Begleitung.

Hängen Kindheitsbelastungen und Zahnverlust zusammen?

Eine englische Untersuchung mit gut 5.300 Erwachsenen fand bei vier oder mehr belastenden Kindheitserfahrungen häufiger Zahnverlust, bei 60- bis 69-Jährigen 26 gegenüber 13 Prozent. Einkommen, Rauchen und Zugang zur Versorgung wirken dabei mit.

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Wo Sie beginnen können

Sechs Fragen zeigen Ihnen in etwa zwei Minuten, in welchem Zustand Ihr Nervensystem gerade arbeitet — und welches Werkzeug dort trägt.

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