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Selbstregulation, Trauma & Achtsamkeit und welche Rolle das Stresstoleranzfenster spielt?

"Unsere Erfahrungen in der frühen Kindheit prägen uns für das ganze Leben." Doch was passiert, wenn diese frühkindlichen Erfahrungen von Trauma geprägt sind? Wie beeinflussen diese die Selbstregulation? Doch was ist Selbstregulation und warum ist sie so wichtig? Und warum Selbstregulation nur mit Achtsamkeit möglich ist? Menschen mit Bindungs- und Entwicklungstrauma haben oft Schwierigkeiten, ihre Emotionen zu regulieren, ihre Körper wahrzunehmen oder die Aufmerksamkeit zu binden und zu verlagern und mit Stress umzugehen. Doch Selbstregulation ist ein wesentlicher Bestandteil des Heilungsprozesses. Aber wie?


Die Bedeutung der Selbstregulation bei Bindungs- und Entwicklungstrauma

"Jede Wunde, die wir nicht heilen, wird unser Schlachtfeld." Diese eindringlichen Worte von Iyanla Vanzant - amerikanische Motivationsrednerin, Anwältin und spirituelle Lehrerin - bringen die essentiellen Herausforderungen auf den Punkt, denen sich Menschen mit Bindungs- und Entwicklungstrauma stellen müssen. Ungeheilte Wunden aus der Kindheit können zu Schwierigkeiten bei der Bildung und Aufrechterhaltung gesunder Beziehungen, emotionaler Regulation und genereller Lebenszufriedenheit führen.

Doch was ist Selbstregulation und warum ist sie so wichtig?

Selbstregulation bezieht sich auf die Fähigkeit, unsere Emotionen, Gedanken und Körperreaktionen in angemessener Weise zu regulieren, um mit schwierigen oder stressigen Situationen umgehen zu können. Bei Menschen mit Bindungs- und Entwicklungstrauma kann diese Fähigkeit stark beeinträchtigt sein, was zu einer Vielzahl von Problemen in ihrem Leben führen kann. Somit ist Selbstregulation von großer Bedeutung, um ihre Heilung und Wohlbefinden zu fördern.

Entwicklungtrauma, Selbstregulation, kPTBS und Achtsamkeit
Selbstregulation bedeutet mit mir in Kontakt zu sein und mich innerhalb von "window of tolerance" zu bewegen

Traumatische Erfahrungen können das Nervensystem überlasten und zu einer Dysregulation führen, bei der das Gleichgewicht zwischen Anspannung und Entspannung gestört ist.

Es ist auch ein Prozess, der es ermöglicht, mit Stress und Überforderung umzugehen und ein Gefühl der Sicherheit und Kontrolle über das eigene Leben zu entwickeln.

Durch Selbstregulationstechniken wie Atemübungen, achtsame Bewegung oder körperorientierte Therapie können Menschen mit Trauma ihre innere Balance wiederherstellen und die Auswirkungen traumatischer Erfahrungen auf ihr Nervensystem reduzieren.


Selbstregulation ist also entscheidend für die Heilung und den Aufbau von Resilienz. Es ist die Fähigkeit, sich selbst zu beruhigen, wieder ins Gleichgewicht zu bringen und effektive Bewältigungsstrategien zu entwickeln.

Und welche Rolle dabei Achtsamkeit spielt, fragen Sie?


Was ist Achtsamkeit und wie unterstützt sie die Selbstregulation?

Achtsamkeit ist ein Konzept, das auf yogischen und buddhistischen Traditionen basiert und in den letzten Jahrzehnten auch in der westlichen Psychologie und Psychotherapie an Bedeutung gewonnen hat. Es bezeichnet die Fähigkeit, bewusst und ohne Wertung im gegenwärtigen Moment präsent zu sein.


Der Weg zur Achtsamkeit liegt bereits in den heiligen Schriften des Yoga Sutra von Patanjali verborgen. Auch wenn das Wort "Achtsamkeit" dort nicht explizit genannt wird, führt uns Patanjali mit seinem achtgliedrigen Pfad (Ashtanga) - der traditionelle Yogastil, den auch ich unterrichte (अष्टाङ्ग aṣṭāṅga) - genau dorthin.

Achtsamkeit ist der Schlüssel, um einen ruhigen und klaren Geist zu erreichen. Dieser wiederum ist nicht nur die Grundlage für die Erfahrung der Einheit, sondern auch für bewusstes Handeln, frei von Anhaftungen (u.a. Glaubenssätze, Überzeugungen, Abhängigkeiten).


Im Kontext von Selbstregulation bezieht sich Achtsamkeit darauf, wie wir unsere Aufmerksamkeit lenken und unsere Impulse, Gedanken und Emotionen regulieren können. Menschen mit Bindungs- und Entwicklungstrauma haben oft Schwierigkeiten, ihre Emotionen zu regulieren und sind häufig von dysregulierten Nervensystemen betroffen. In solchen Fällen kann Achtsamkeit als Werkzeug dienen, um die Selbstregulation zu stärken - vorausgesetzt diese ist Traumasensitive.



Achtsamkeit als Werkzeug zur Stärkung der Selbstregulation

Es gibt drei Komponenten der Achtsamkeit, die besonders bei Menschen mit Entwicklunsgtrauma sehr häufig gestört sein können.

Fatal ist dabei, dass ohne die Beherrschung dieser 3 Achtsamkeitsfähigkeiten keine Selbstregulation möglich ist!

1. Körpergewahrsein: Traumatisierte Menschen haben oft eine gestörte Verbindung zu ihrem Körper und ihren körperlichen Empfindungen. Achtsamkeit kann helfen, das Körpergewahrsein zu stärken und eine bewusste Verbindung zu den körperlichen Empfindungen wiederherzustellen.


2. Aufmerksamkeitsverlagerung: Menschen mit Trauma haben oft Schwierigkeiten, ihre Aufmerksamkeit bewusst zu lenken und abzulenken. Achtsamkeit kann helfen, die Fähigkeit zur Aufmerksamkeitsverlagerung zu verbessern und die Fokussierung auf innere und äußere Reize zu regulieren.


3. Emotionsregulation: Traumatisierte Menschen haben oft Schwierigkeiten, ihre Emotionen angemessen zu regulieren. Achtsamkeit kann helfen, die Fähigkeit zur Emotionsregulation zu stärken, indem sie eine bewusste Beobachtung und Akzeptanz der eigenen Emotionen ermöglicht.


Es ist wichtig anzumerken, dass Menschen mit dysregulierten Nervensystemen oft Schwierigkeiten haben, Achtsamkeit zu praktizieren. Wenn das Nervensystem in einem Zustand der Übererregung oder Untererregung ist, kann es schwierig sein, sich auf den gegenwärtigen Moment zu konzentrieren und achtsam zu sein.

Dies kann weitere Enttäuschungen der Betroffenen verursachen, da sie das Gefühl haben, dass Achtsamkeit für sie nicht funktioniert oder dass sie es nicht richtig machen.

Im schlimmsten Fall fühlen sie sich vielleicht sogar so, als wären sie selbst das Problem. Sie denken, dass sie "falsch" oder schon "kaputt" oder so schwer erkrank sind und dass alles an ihnen liegt.

Daher ist es wichtig, dass die Traumaheilung und das Erlernen von Achtsamkeit traumasensitiv gestaltet werden.



"Window of Tolerance" - das Stresstolaranzfenster

Ein weiterer wichtiger Aspekt für Menschen mit Trauma ist das Konzept des "Window of Tolerance" oder des Stresstoleranzfensters. Das Stresstoleranzfenster beschreibt den Bereich zwischen Übererregung und Untererregung, in dem ein Mensch in der Lage ist, angemessen mit Stress umzugehen und sich zu regulieren. Bei Menschen mit Trauma ist dieses Stresstoleranzfenster oft verengt und es bedarf einer besonderen Sensibilität und Achtsamkeit, um es zu erweitern.



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Window of Tolerance - erlaubt uns, SELBST zu sein

Durch die Stärkung der Fähigkeiten zur Körpergewahrsein, Aufmerksamkeitsverlagerung und Emotionsregulation können Menschen mit Trauma lernen, ihr Stresstoleranzfenster zu erweitern und eine gesunde Selbstregulation zu entwickeln. Dies erfordert jedoch eine traumasensitive Herangehensweise, da die Übungen und Techniken an die individuellen Bedürfnisse und Grenzen der Betroffenen angepasst werden müssen.


Traumasensitive Achtsamkeit - kein Hype, sondern eine Notwendigkeit

Es ist wichtig, dass Traumabetroffene in einem geschützten und unterstützenden Umfeld lernen, Achtsamkeit zu praktizieren. Dies kann in Form von therapeutischer Begleitung oder in Gruppenarbeit geschehen. Die Anerkennung und Akzeptanz der individuellen Traumageschichte ist dabei von großer Bedeutung, um eine sichere Basis für die Achtsamkeitspraxis zu schaffen.


Insgesamt ist Achtsamkeit eine wichtige Ressource für Menschen mit Trauma, um ihre Selbstregulation zu verbessern. Indem sie lernen, bewusst im gegenwärtigen Moment zu sein und ihre Körperempfindungen, Aufmerksamkeit und Emotionen achtsam wahrzunehmen - ohne Wertung -, können sie ihre Stresstoleranz erweitern und ihre Lebensqualität verbessern. Es erfordert jedoch Geduld, Zeit und die traumasensitive Herangehensweise, um diese Fähigkeiten zu entwickeln.


Um zu erfahren, wie ein dysreguliertes Nervensystem entsteht und das Toleranzfenster einfach erklärt anzusehen, empfehle ich Ihnen folgendes Video:




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